17.04.2004, Dortmunder Westfalenstadion :

für die Statistik:

Zuschauer: 83.000 (ausverkauft) - mit dabei in Block 68, in Reihe 43 auf den Plätzen 5 & 6: der Muscheldoktor und der Holländer

Stimmungsfaktor: 4 - Stimmung vom Band is halt Scheiße! (1 sehr gut - 6 ungenügend)

Stadionwurstfaktor (SWF): 2+ - lecker anzusehen, fablich wohlfein abgestimmter Senf auf dunkelbraun gebratener Phosphatstange und dazu noch ein prima Brötchen - so muss ne Wurst (für erschwingliche 2,10 €) sein

Bierfaktor: n/a - fiel aus wegen zu langer Schlange am Bierstand. Aus einheimischer Quelle wurde jedoch berichtet, dass es sich um "richtiges" Bier handeln sollte

und nun zum Live-Bericht (natürlich vom Muscheldoktor höchst persönlich):

Vorspiel:

Bei allerfeinsten Frühlingswetter machten wir uns gut ausgerüstet auf den Weg. Das Fahrbier ordentlich vorgekühlt und eingewickelt in den Sportteilen der Samstagsausgaben bestiegen wir den NRW-Express. Schon dort geballte Vorfreude in einem Zug voller Fans, wie eigentlich immer an Großkampftagen in NRW. Zum Glück blieben wir zunächst vor allzu dumpf gröhlenden Horden verschont, vermutlich ob des außerordentlichen Luxus, den man sich mit einer Sitzplatzkarte eben leisten kann, einer relativ späten Anfahrt. Da die DB auch bei 20°C Mitte April gemäß Winterfahrplan noch mit Heizung fährt, machte sich die Kühlung der Gerstenkaltschalen auch gleich bewährt. Da konnten wir doch ganz gepflegt den einen oder anderen Bauern gehen lassen während viele Mitreisende schweißtriefend vor sich hinfluchten und unsere Flaschen sehnsüchtig fixierten. Gut 1h vor Spielbeginn erreichten wir dann entspannt den Dortmunder Fußballtempel, der jeden Fußballanhänger schon beim ersten Anblick das Herz aufgehen läßt. Unübertroffen wie immer der erste Blick auf den grünen Rasen ! Apropos, dieser war in der Tat grün und nicht wie so häufig in Dortmund beobachtet als trister Acker verunstaltet, um der spielerisch unbeholfenen Heimelf Vorteile zu verschaffen.

Um die Zeit bis zum Anpfiff sinnvoll zu füllen, setzten wir eine schnelle Nachricht an die daheimgebliebenen Recken in der Lattenknallerzentrale ab: Block 68, Reihe 43, hoch oben unter dem Dach (siehe oben, A.d.H.). Sehr gute Übersicht, nah genug um die einzelnen Spieler zu erkennen, alles bestens! Wohl gelaunt machte ich mich mal gleich auf den Weg: Toilette, Wurst, Bier! Letzteres ließ ich mir in der Wurst-Schlange von Einheimischen erklären sei in der Tat alkoholhaltig, was deren unattraktives Ausmaß verständlich machte. Ohne Lust auf eine zweite Schlange aber mit prima Rostbratwürsten ausgestattet, machte ich mich auf den Rückweg. Dennoch: richtiges Bier, eine ausgezeichnete Wurst, sowie die Möglichkeit bei einer Runde Tischkicker das Resultat vorab auszuspielen, verhelfen dem BVB zu guten Noten im Bereich Service.

Aber es gibt auch einige sehr merkwürdige Dinge zu bemängeln: Allem voran verbreitete die wirklich beeindruckende Wand der gefüllten Stehtribüne absolut null gute Laune. Weder das erwünschte Einpeitschen und Anfeuern mittels Lobgesängen auf das eigene Team war zu hören, noch die üblichen Schmähgesänge zu den Gästefans. Bis zur Vorstellung der Mannschaften war die Wand aus 10000 Anhängern einfach nur stumm!!! Böse Vorahnungen oder nur Frühlingslethargie? Das kann wohl nur der regelmäßige Westfalenstadiongänger beurteilen. Fakt ist, ausgerechnet im Spiel gegen die Bayern kam die Stimmung vom Band, aus den wie überall überflüssigen und v.a. grässlich knarzenden Lautsprechern. You’ll never walk alone... Angesichts der durchschnittlichen Englischkenntnisse gewöhnlicher Fußballhooligans kann man nur hoffen, daß sie überhaupt wissen was sie da mitgröhlen sollen. Da kam dann das Heya, Heya BVB schon authentischer. Mit Sehnsucht dachten wir bei der ganzen Kommerzkacke dabei allerdings an die hoppelnden Zebra-Girls vom MSV mit dem Unvergleichlichen Zebrastreifen Weiß und Blau, einjeder weiß genau, hier kommt der M S V...

Fuppes:

Endlich, los geht’s! Spiel passend zum warmen Wetter. Dortmund spielt gar nicht mit, Bayern wie immer als Stehgeiger unterwegs. Hacke, Spitze, Tuntenkick ! Kaum zu glauben, ob der garstigen Vorstellung wird es im Stadion ( 83000 Zuschauer! ) noch ruhiger als zuvor. Da mußte man fast fürchten, daß der Furz von Fahrbier und Wurst den Olli unten auf dem Rasen so erschreckt, daß er Realmäßig eine Rückgabe durchgleiten läßt. Dortmunder Torschüsse erste Halbzeit. 0 ! Ballbesitz: Freundlich geschätzte 40 %. Wohl die übliche Heimtristesse, die Dortmunder um uns herum haben sich nicht einmal darüber aufregen können...

Der BVB fiel einzig auf wenn es ums Reklamieren ging. Gleich in der 5. min mußte Hr. Dr. Merk von Hr. Dede ausführlich darauf aufmerksam gemacht werden, daß Kuffours Foul doch gelbwürdig sei. Um nicht unhöflich zu erscheinen, ließ sich der Schiedsrichter auch nicht lange bitten. Eine richtige Entscheidung! Dennoch fühlte er sich genötigt Dede gleich darauf wegen eines leichten Remplers auch zu verwarnen, nun ja... Gleich darauf der erste Auftritt vom Mann des Tages, Christian mit der Fistelstimme Wörns, bremst mal eben den Ball den Santa Cruz sich auf den rechten Schlappen hat stoppen wollen. Aus kurzer Distanz, von des Paraguayers Brust auf die Hand, da mag sich jeder seine Meinung bilden. Eine gute Chance für den FCB war somit jedenfalls dahin.

Ansonsten: Spielerisch, wie gesagt, Nichts! Spitzenspiel eben. Die Bayern immerhin gefällig, völlig überlegen, teilweise schön kombinierend, allerdings schien außer dem jungen Schweini niemand so richtig laufen zu wollen. Und wenn doch, dann gerne so lange bis man ohne Eingreifen des Gegners mit Ball die Seiten- oder Torauslinie überquerte, in den Rasen trat oder gleich den Ball zu Schwarz-Gelb spielte. Besonders auffällig in dieser Hinsicht: Zé Roberto ! Ein ums andere Mal festgedribbelt auf der linken Seite, in Sergio-Gedenk-Aktionen zu Boden purzelnd. Der hat das Tore schießen wirklich nicht erfunden! Überhaupt schießen: Da schien an diesem schönen Tag keiner Lust drauf zu haben. Trotz zahlreicher guter Gelegenheiten verweigerten sich die Bayern konsequent dem Abschluß. Später hörte man mal etwas von guter Dortmunder Defensivleistung (ho, ho), ein entschlossenes Team hätte gleich mal zwei drei Dinger eingeschenkt. Aber so haben sie es mal wieder selbst vergeigt. Nämlich in der 2. Hälfte, nach einem mal wieder sehr seltsamen Elfmeter. Den man fraglos wie immer geben kann, weil eine Grätsche im Strafraum nun mal jeden Stürmer zum Einhakeln geradezu auffordert. Da brauch man auch mit den weiteren komischen Umständen, Linienrichter hin und her, nicht zu hadern. Gambino war in jedem Falle dankbar, hätte er den Ball doch sonst selber schießen müssen, mit äußerst bescheidener Aussicht auf Erfolg. Und dann Cojones-Olli, mal wieder durchgeknallt wie ein wilder Stier Richtung Linienrichter. Ohne Worte! Dennoch kam er im Gegensatz zum Dauernörgler Ballack ohne Verwarnung davon. Letzterer holte sich nach dem zwischenzeitlich zweiten Auftritt von Wörns (2:0 nach Eckball) dann auch noch die Spielsperre ab: Gelb-Rot für DOOF! Wer sagt da noch Ballack könne keine Spiele entscheiden ? Insgesamt die Bayern nach dem Rückstand völlig daneben. ließen sich von cleveren Dortmunder provozieren, statt bei mehr als 30 min Spielzeit zu versuchen das Spiel zu drehen. Aber daran fehlte der fahrigen Truppe einfach der Glaube und v.a. der Wille. Dortmund dagegen schaffte immerhin noch einen gefährlichen Schuß auf’s Bayern Tor (Leandro), den Olli um den Pfosten lenkte. Eigentlich nicht erwähnenswert, aber es war nun mal der einzige gefährliche Abschluß aus dem Spiel heraus während 90 min Bundesliga-Spitzenfußballs !

Nachspiel:

Auf dem nicht ganz ungefährlichen Heimweg traf es uns dann richtig: Umgeben von völlig debilen Vertretern der Hooliganzunft quetschten wir uns in eine Straßenbahn. Hier war die Stimmung zwar zu gewaltbereit um sich wirklich sicher zu fühlen („Möchte mal wieder drei vier Leute klatschen...“), aber insgesamt war sie besser und v.a. lauter als im Stadion! Da waren sie dann auch, die geistreichen Drohgesänge und Schmähungen für die Gäste: Scheiß S04, Scheiß FCB, Hurensöhne, etc...... Die Getränke öffnen sich die netten BVB Girls auch gern mal mit den Zähnen („Ich hab meinen 13er Schlüssel immer dabei“), dabei wird auf alles gehauen was in einer Bahn so zum Lärmmachen geeignet ist. Ein Hoch auf die Erbauer robuster Wagons, da weiß man wofür das gut ist. Im NRW-Express zurück nach Düsseldorf haben wir dann das große Glück in der Nähe eines netten BVB Anhängers zu fahren, der die passende Party Musik aus einem scheppernden Recorder dröhnen läßt. Auch das Zusteigen einiger Schalke Fans in Duisburg überstehen wir unverletzt, die akademische Kunst der Konfliktvermeidung. Die Schalker erwiesen sich trotz weitgehender Austauschbarkeit der Gesänge als witziger im Vergleich zu den BVB Fans und das trotz ihrer Niederlage gegen Leverkusen. Alles in allem ein gelungener Fußballtag, schön mal wieder live im Stadion gewesen zu sein, auch wenn das Spiel einem Grottenkick gleichkam und einem Deutschland von unten als Akademiker unschöne Gedanken bereiten kann. Da muß sich unsere Fortuna am Flinger Broich auch spielerisch nicht hinter der Bundesliga verstecken ! Außerdem schien an der Qualität des Fußballspieles an sich auch niemand wirklich interessiert zu sein, von den Hools schon mal gar niemand, aber auch die gemäßigte Breite des Sitzplatzpublikums kannte sich über die mäßige Darbietung kaum echauffieren. Na ja, nächste Woche wieder die Premiere – Konferenz vom Lattenknaller Studio.

Bis dahin,

der Muscheldoktor